Es handelt sich bei diesem Film um ein typisches von Trier-Werk: In Kritikerkreisen mit Lob überhäuft, weiß der Ottonormalverbraucher meist nur wenig mit ihm anzufangen. Im Rahmen der Grundsätze der „Dogma 95“ Bewegung, der sich außer von Trier noch einige andere seiner dänischen Regiekollegen anschlossen, zeichnet sich der Film wie alle anderen Werke des „Enfant Terrible des europäischen Kinos“ durch einen geradezu dilletantisch anmutenden Produktionsstil aus: Die Kamera wackelt nur so vor sich hin und wie im Heimkino wird hektisch auf die gerade agierende Person herangezoomt, bzw. von einer Person zur anderen geschwenkt statt wie man es gewohnt ist, zu einer Nahaufnahme überzugehen. Auch die einzelnen Schnitte wirken alles andere als nahtlos. Darüber hinaus glänzen von Tiers Filme durch eine geradezu spartanische, an das minimalistische Theater angelehnte, Ausstattung und auch auf ihre Handlung spielt in den Werkes des exzentrischen Dänen eine untergeordnete Rolle. Alles steht und fällt mit der schauspielerischen Leistung der Darsteller, die allerdings oft durch ein reines Improvisationstalent gekennzeichnet ist.
Ich persönlich bin bezüglich der Frage nach der Qualität der Filme von Tiers etwas hin- und hergerissen. Einerseits steht für mich fest, dass dem Beiwohnen eines seiner Werke zumindest vorläufig allein schon wegen der zuvor erwähnten technischen Mängel nicht nur kein Vergnügen im herkömmlichen Sinne darstellt, sondern dass angesichts der besagten Unzulänglichkeiten nicht zu letzt ein regelrechter Brechreiz Besitz von mir ergreift. Darüberhinaus stellt sich die Frage, ob es von Tier nicht allzu sehr auf den oberflächlichen Entfremdungseffekt seiner Filme ankommt. Das ein Streifen sein Publikum durch gezielte Provokation zum Nachdenken anregt ist eine prima Sache, nur erscheint mir als fragwürdig ob dies allein an ihrer dramaturgischen Umsetzung auszumachen sein sollte. Da entsprechen mir schon eher die Melodramen eines Rainer Werner Fassbinder, die sich rein umsetzungstechnisch an den Sirkschen Seifenoper der 1950er Jahre anlehnten, aber hintergründig wahrhaft Subversives und dadurch Befreiendes zum Ausdruck brachten. Von Tier scheint, wenn auch auf umgekehrte Art und Weise, mit den Protagonisten des Eventkinos gemeinsam zu haben, dass er der Form seiner Film einen höheren Stellenwert beimisst, als deren Substanz.
Andererseits ist grundsätzlich zu begrüßen, dass von Trier sich so unbeirrbar an seinem eigenwilligen Kunstverständis festklammert und dafür das hohe Risiko, dass seine Filme von den allermeisten Kinogängern verschmäht werden und dass sie für entsprechend geringeren Umsatz an den Kinokassen sorgen, billigend in Kauf nimmt. Außerdem halte ich es für durchaus richtig, dass von Trier die Absicht verfolgt, seinen Zuschauern einiges abzuverlangen und dafür bereit ist, bis ans äußerste zu gehen. Allerdings erscheint es als durchaus möglich, dass sich der Regisseur durch seine Filme auf überhebliche Art und Weise einem Kreis elitärer und offenbar masurchistisch veranlagter Kunstkritiker anbiedert und angesichts dieser Tatsache einem höchst unegalitären Kunstverständnis verpflichtet ist. Darüberhinaus bleibt aus eurozentrischer Sicht (einer an sich eher verwerflichen Geisteshaltung zu der ich mich trotz einiger Einschränkungen in diesem Zusammenhang allerdings bekenne) festzuhalten, dass von Tier in seinen Filmen routinerweise die Crème de la Crème der Schauspielzunft des "alten Kontinents" zum Zuge kommen lässt. So entsteht der Eindruck, dass „unsere“ Schauspieler es durchaus mit ihren amerikanischen Kollegen aufnehmen können und dass von Triers Produktionsfirma Zentropa ein legitimes Gegengewicht zu den in Hollywood angesiedelten Filmbetrieben darstellen könnte.
Nur flüchtig zur Handlung des Films: Die Reizende Justine erkrankt prompt nach ihrer verkorksten Hochzeit an einer handfesten Depression. Es gelingt ihr nicht am alltäglichen Leben teilzunehmen und noch dazu bringen ihre Schwester Claire und deren Familie für ihren erbärmlichen Zustand nur wenig Verständnis auf. Da kommt ihr die Ankunft des Planeten „Melancholia“, der sich mit Siebenmeilenstiefen auf die Erde zu bewegt und den blauen Planeten in sich einzuverleiben und jegliches im Universum vorhandene Leben auszulöschen droht, gerade recht. Auf einmal gerät das seelische Gleichgewicht zwischen den beiden Schwestern aus den Fugen, jetzt ist es Claire, die in ein hysterisches Verhaltensmuster verfällt, während Justine in aller Seelenruhe in ihrer ganzen weiblichen Pracht ein „Sonnenbad“ im unheimlichen Licht des herannahenden Planeten nimmt.
Dies legt den Schluss nahe, dass es sich bei einer pathologischen Angst oder Depression um eine höchst situationsabhängige Angelegenheit handelt. Es ist lediglich eine Frage welche Geschehnisse die Bestürzung bei einer Person auslösen. Für einen psychisch Kranken ist es enorm schwer am alltäglichen Leben teilzuhaben und eine (vermeintliche) Lappalie kann für ihn zu einer unüberbrückbaren Herausforderung ausarten, während er mit einer Gefahr vor der die „normalen“ kapitulieren würden, verhältnismäßig souverän umzugehen weiß.

Salon.com
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